Prignitzreport 2018
Hier werden zukünftig Beiträge aus der Prignitz, der alten Heimat des Seitenbetreibers, zu finden sein. Die Prignitz ist der heutige nordwestliche Teil des Bundeslandes Brandenburg. Nach 1945, bedingt durch die Auflösung der Länder in der sowjetischen Besatzungszone, teilte man den damaligen Kreis Westprignitz mit der Kreisstadt Perleberg verwaltungsmäßig größtenteils dem Bezirk Schwerin zu. Die Eisenbahnstrecken gehörten nun zur Rbd Schwerin.
Das Datum am Ende des Beitrages gibt den Tag der Veröffentlichung an. Die Nennung des Fotografen, betreffs Urheberrechte, steht jeweils am Ende des Beitrages. Eine Weiterverwendung aller Fotos ist ohne Rücksprache mit den Fotografen nicht gestattet!



Pollorelikte
Zu Pfingsten war ich familiär bedingt mal wieder in der Prignitz unterwegs. Auf der Museumsbahn von Lindenberg nach Mesendorf war nach der Jubiläumswoche erst einmal Ruhe angesagt. In Perleberg, an der Ecke Berg und Berliner Straße, da wo einst die alte Pollotrasse vor der Umverlegung bis 1958 durch die Stadt führte, war gerade eine Großbaustelle für die Straßenerneuerung. Man sollte es kaum glauben, aber aus dem Untergrund tauchten noch etliche alte Bahnschwellen auf, die auf zwei Haufen aufgeschichtet am Rand lagen. An der Stirnseite des Verwaltungshauses der Kreisverwaltung ist noch immer die kleine Wartehalle des ehemaligen Haltepunktes Perleberg Kreishaus erkennbar, allerdings inzwischen zugemauert. Da wo heute ein Schild am Zaun hängt, führte einmal die Gleistrasse entlang, kreuzte die Berliner Straße und verlief in nördlicher Seitenlage an der Berliner Straße entlang stadtauswärts in Richtung Lindenberg.
21. 5. 2018 (Fotos: Detlef Radke)



In Havelberg hat der neue Besitzer des Lokschuppens inzwischen den Fachwerkteil des Wasserturms wieder aufgemauert.

Erlebnisbericht vom ersten Tag der Pollosonderfahrten
Am 5. Mai begannen die Feierlichkeiten zum 25 jährigen Bestehens des Lindenberger Kleinbahnvereins. Man glaubt es kaum wie die Zeit vergeht. Zu diesem Anlaß konnten sich die Prignitzer Schmalspurfreunde bei befreundeten Vereinen drei Dampfloks ausleihen. Die eigene Dampflok 99 4644 steht halb demontiert im Mesendorfer Lokschuppen und wartet auf eine Kesselbefundung.
10. 5. 2018 (Fotos: Detlef Radke)




Rechtzeitig am Morgen in Mesendorf angereist, herrschte vor dem leider noch im Schatten liegenden Lokschuppen bereits emsige Betriebsamkeit. Die Lokpersonale machten ihre Maschinen für den Tag startklar. Als erste sollte die 99 4652 mit ihrem Zug nach Lindenberg aufbrechen. Der erste Wagen hinter der Lok, der 970-788, war mit einer Aufschrift versehen. Dieser Wagen hatte am 5. Mai bedingt durch den Fristablauf seinen letzten Einsatztag. Der original Rügenwagen kam 1994 zusammen mit der 99 4644 aus Neustrelitz in die Prignitz und wurde zunächst in Lindenberg als Austellungswagen über die Streckengeschichte des Pollos genutzt, bevor er seit 2002 nach einer Aufarbeitung in den Fahrdienst gelangte. Nun bekommt er erneut eine HU und verkehrt dann aber wieder auf der Insel Rügen.
So kam dieser Zug dann noch unmittelbar nach dem Verlassen des Bahnhofs Mesendorf vor einem Rapsfeld als erster auf den Chip.


Da ich kein Fotofreund von rückwärtsfahrenden Schlepptenderlokomotiven bin, fuhr ich nach Mesendorf zurück und schaute noch einmal beim Lokschuppen vorbei. Da traf ich auf einen älteren Herrn aus Tokio, der den weiten Weg in die Prignitz gewagt hatte. Leider war mit meinen rudimentären Schulenglischkenntnissen keine langatmige Unterhaltung möglich, aber ich bekam mit, dass er bereits 1973 erstmalig in der DDR zum Eisenbahnfotografieren war. Vor dem Lokschuppen stand inzwischen die 99 4511 für den zweiten Umlauf des Tages bereit. Die 99 1401 sollte dann als letzte Lok in den Plandienst gehen. So waren stets zwei Loks mit Zügen gegenläufig unterwegs und eine stets in Mesendorf zur Restaurierung. Da die zuerst rückwärtsfahrende 99 4652 die Rückleistung ab Lindenberg vorwärts antrat, machte ich mich auf nach Lindenberg zum dortigen Bahnhof.



Auf der Wiese am Lindenberger Bahnhof hielten an dem Wochenende einige Königlich-Preußische Truppenverbände ein Biwak ab. Zur Abfahrt des ersten Zuges nach Lindenberg sollte der Bahnhofsvorsteher die Kanone abfeuern. Dies gelang leider nicht genau. Die preußischen Kanoniere waren es nicht gewohnt pünktlich nach Fahrplan zu feuern, aber der Knall, der dem Zug hinterher eilte, war dann doch recht laut.




Dem ersten aus Lindenberg abfahrenden Zug mit der 99 4652 kam aus Mesendorf die 99 4511 entgegen und sie kreuzten einander in Brünkendorf. Da die 99 4511 bereits sehr oft auf dieser Strecke im Einsatz war, habe ich sie an den Tag nicht so sehr beachtet und mich eher um die beiden Schlepptenderlokomotiven bemüht. So kam dann nach der Rückankunft des Zuges mit der 99 4652 in Mesendorf die dritte Lok, die 99 1401, in den Fahrdienst. Auf dem ersten Bild rückt die Lok aus der Einsatzstelle aus. Die zweite Aufnahme zeigt sie bei der Einfahrt in den Kreuzungsbahnhof Brünkendorf, wo die Transportpolizei für die Absicherung des Bü zuständig war. So konnte der Gegenzug nach Mesendorf mit der 99 4511 unbeschadet den Bü passieren.


Zwischenzeitlich hatten die preußischen Kanoniere auch die militärische Begleitung eines Zuges übernommen und ihre Kanone in einen Ow verladen. Das dürfte vermutlich der erste Truppentransport in der langen Geschichte der Prignitzer Schmalspurbahnen gewesen sein.



Die 99 1401 brachte die Kanoniere wieder nach Lindenberg zurück, wo sie ihre Kanone ausluden. Dabei wurde ich zufällig Zeuge, wie man eiligst mir völlig unbekannte Kanonenmunition geschützt vor den Blicken der Zuschauer fortschaffte. Da ich als langjähriger Eisenbahnfreund nicht so mit den historischen Militärdiensten bewandert war, fragte ich einen neben mir stehenden Feldwebel, der das Ausladen beaufsichtigte, nach diesen merkwürdigen Geschossen. Er erklärte mir, das es sich hierbei um neuartige "Glashohlmantelgeschosse" handeln würde, die sich aber erst einmal in der Testphase befanden. Im Volksmund bezeichnet man sie auch als leere Bierflaschen.



Zu der Jahreszeit konnte man auch in der Prignitz auf Rapsfelder hoffen und so waren am Tüchener Überweg, zwischen den Stationen Klenzenhof und Brünkendorf dieselben zu finden. Das lockte neben mir natürlich zahlreiche Fotofreunde an. Auf dem Weg dorthin hatte ich noch eine etwas ungewöhnliche tierische Begegnung. Der auf den Bü zuführende Sandweg war links mit Wald und rechts mit einem leeren Feld eingesäumt. Da dieser Weg natürlich etwas uneben war, fuhr ich in gemäßigtem Tempo dort entlang, als ich im rechten Augenwinkel auf dem Feld etwas Kleines bemerkte, was mich überholte und sich dann etwas später als Feldhase entpuppte. Ein schneller Blick auf den Tacho zeigte mir 30 km/h an, so das ich mal einschätzte, das mich der Hase mit gut 50 km/h überholte, dann einen 90 Grad Haken schlug, meinen Fahrweg kreuzte und im Wald verschwand.




Nach dem letzten regulären Zug, verkehrte an dem Tag um 18 Uhr noch ein Sonderzug von Mesendorf nach Lindenberg, für die zur Festveranstaltung geladenen Gäste. Als Zuglok war die 99 1401 und die 99 4652 als Schlusslok eingeteilt. Zunächst war die 99 1401 in Mesendorf noch mit Rangieraufgaben für den Sonderzug beschäftigt. Bei Klenzenhof ist dieser Zug anschließend zu sehen.


Im gut gefüllten Festzelt klang dieser erlebnisreiche Tag für alle aus. Ein Abriss der 25 Jahre Vereinstätigkeit zeigten noch einmal die Zwischenstationen von der Vereinsgründung bis zum heutigen Museumsbahnbetrieb auf. Einige Eisenbahnfreunde richteten Grußworte an die Gäste. Unter anderem war auch der Niederländer Ton Pruisen anwesend, der recht unterhaltsam von seinen damaligen Reisen zum Pollo in den 1960er Jahren berichtete. Ihm verdankt man heute etliche Filme, die er damals als 21 jähriger drehte. Um 22 Uhr war die Rückfahrt des Sonderzuges nach Mesendorf. Das preußische Militär saß in seinem Biwak am Lagerfeuer und leerte vermutlich so manche Bierflasche für die nächsten "Glashohlmantelgeschosse".

Frühlingsfest in Wittenberge
Am Wochenende 5./6. Mai öffneten die Eisenbahnfreunde des Historischen Lokschuppen Wittenberge wieder ganz weit ihre Schuppentore und luden alle Interessierten zu einem Frühlingsfest ein. Die Favoriten waren natürlich die unter Dampf stehenden Lokomotiven "Emma" und 50 3570-4, welche zu Führerstandsmitfahrten auf dem Vereinsgelände einluden. Anbei ein paar Impressionen vom ersten Tag.
10. 5. 2018 (Fotos: Volker Hofmann)




Zwei WFL Loks in Wittenberge
Am 22. Februar konnte man auf dem Wittenberger Bahnhof zwei abgestellte Gastloks entdecken. Beide Fahrzeuge sind bei dem privatem EVU WFL eingestellt und warten auf ihren nächsten Einsatz. Bei diesem EVU findet man etliche Fahrzeuge der ex DR noch immer in der damaligen Farbgebung.
6.03.2018 (Text und Fotos: Mario Sembritzki)


Ein Stück Wittenberger Bw Geschichte geht endgültig verloren
Am 4. Januar 2018 war es soweit, der ehemalige Hilfszug aus dem Wittenberger Bahnbetriebswerk (Bw) wurde verkauft und hat endgültig seinen Heimatort verlassen.
Zu beginn der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde diese dreiteilige Einheit im Bw Wittenberge in betrieb genommen. Sie löste einen Vorgänger aus gesammelten Werken der Nachkriegszeit ab. Bis zum 24. 09. 2015 war der Einheitshilfszug offiziell im Dienst und wurde dann von seinem Nachfolger, einer Neuentwicklung der DBAG abgelöst. Rund 30 Jahre waren die drei Fahrzeuge, der Mannschaftswagen Nr. 60 80 990 1511-7, der Gerätewagen Nr. 40 80 940 0907-8 und der Energieversorgungswagen Nr. 40 80 940 0957-3, in Wittenberge beheimatet. Damit gehörten sie wohl zu den Dienstältesten Fahrzeugen des Bw Wittenberge. Nach der Schließung des Bahnbetriebswerkes wurde der Standort des Zuges vom Bw ins AW verlagert. Bereits 2015 reifte bei einigen Besatzungsmitgliedern des Hilfszuges des AW Wittenberge der Gedanke, die Fahrzeuge vor Ort zu erhalten. Da das Aw die Fahrzeuge selber nicht in ihrem Bestand aufnehmen kann, konnte man sich eine Überlassung an den ortsansässigen Lokschuppenverein vorstellen. Der bereits vorhandene Katastrophenzug und der Hilfszug währen ein interessantes Ausstellungspaar, dass wohl kein weiterer Eisenbahnverein vorweisen könnte.
So wurden die ersten Vorgespräche mit dem Eigentümer- DB Netz Maschienenpool - vermittelt. Auf Grund der jahrelangen guten Zusammenarbeit mit dem AW Wittenberge waren die Verantwortlichen von DB Netz nicht abgeneigt. So wurde ein Kontakt zum Lokschuppenverein aufgenommen. Der Eigentümer stellte dem Verein eine vorläufig befristete Dauerleihgabe, mit der Option einer Verlängerung in Aussicht. Allerdings konnte bis Frühjahr 2017 keine Einigung zwischen dem Eigentümer des Hilfszuges und dem Verein erzielt werden, was die Modalitäten des Unterhalts der Wagen betraf. Auch ein Kaufangebot war für den Verein unrealistisch, für Fahrzeuge die lediglich ausgestellt werden sollten.
Damit war ein Erhalt der Fahrzeuge in Wittenberge nicht mehr möglich gewesen. Der Eigentümer hatte jetzt den Einheitshilfszug zum Verkauf ausgeschrieben. Wie erwartet hat es nicht lange gedauert und ein neuer Interessent hat sich gefunden. Zu mindestens hat der Mannschaftswagen einen neuen Besitzer gefunden. Ein Eisenbahnunternehmen in Sachsen Anhalt. Am 4. Januar wurde das Fahrzeug überführt (Bild 2). Der Geräte- und der Energieversorgungswagen traten ihre Reise nach Berlin, DB Netz Maschienenpool an und warten dort auf einen Käufer.
12.02.2018 (Text und Fotos: Mario Sembritzki Bild 1 und F. Löther Bild 2, Textänderungen: Detlef Radke)